Jaaaa, ihr habt richtig gelesen! Im Leistungssport ist das zyklusangepasste Training bei weiblichen Athleten längst nicht mehr weg zu denken – weil es Sinn macht. Und im Hundetraining sollten wir schnellstens nachziehen – weil es Sinn macht – und weil es zu bedürfnisorientiertem & achtsamem Training unbedingt dazu gehört!
Neben der Beobachtung der eigenen Hündin hilft natürlich ein wenig Hintergrundwissen über den Zyklus der Hündin & die in den jeweiligen Phasen dominierenden Sexualhormone & deren Auswirkung. Denn man sieht nur, was man weiß, man nimmt Rücksicht, wo man versteht und man trainiert sinnvoll, wo man gut geplant hat.
Andersrum habe ich schon oft beobachtet, wie Unwissen & Unverständnis zu Fehlinterpretationen führte: zu unfairen Reaktionen, frustrierten Hundeführern & verzweifelten Trainingsversuchen in einer Phase, in der sie keinen Sinn machten. All dies kann man den Menschen – und vor allem den Hunden ersparen, wenn man als Trainer seiner verdammten Verantwortung nachkommt & sich Wissen aneignet.

Um es nicht zu komplex werden zu lassen, konzentrieren wir uns auf Östrogen, Progesteron & Prolaktin. Die Zyklusphasen der Hündin setze ich bei professionellen Hundeführern als bekannt voraus.
Östrogen
Östrogen führt u.a. zu einer Schleimhautproliferation im Uterus & erreicht seinen Peak rund um den Eisprung. Über seinen Einfluss auf die Serotoninproduktion macht es obendrein glücklich, wirkt eher stimulierend & führt zu einer hohen, körperlichen Energie. Ausgeschüttet wird es bei der Hündin mit deutlichem Peak über dem Proöstrus – dann mit stark abfallender Konzentration im Verlauf des Östrus.

Progesteron
Progesteron als Schwangerschaftshormon bereitet u.a. die Gebärmutterschleimhaut auf die Einnistung vor. Psychisch führt es zu einer angenehm empfundenen Dämpfung des zentralen Nervensystems und erhöhter Angst- und Stressresistenz. Ausgeschüttet wird es bei der Hündin beginnend im Östrus mit deutlichem Peak in der ersten Hälfte des Metöstrus.

Prolaktin
Die Aufgabe des Prolaktins ist natürlich in erster Linie die Anregung des Drüsenwachstums & der Milchproduktion. Neben unangenehmen Pickeln (ja, auch bei der Hündin) führt es auch zu Reizbarkeit & Depression. Das Prolaktin steigt mit fallendem Progesteron ca. 9 – 12 Wochen nach dem Eisprung an – bei der einen Hündin mehr, bei der anderen weniger – und fällt mit seinem Peak daher in die Phase des späten Metöstrus.

Proöstrus
In dieser Phase (ab Beginn der Läufigkeit) dominiert das stimulierende & gute Laune bereitende Östrogen. Die Hündin ist selbstsicher – aber auch sexuell aktiv & interessiert. Das wiederum zeigt sich nicht selten in für sie ungewöhnlichem Interesse an Markier- & Imponierverhalten. Körperlich verfügt sie über ein hohes Energielevel.
Das bedeutet für die Praxis…
Antizipieren wir als Trainer, dass Markierorte von Artgenossen (& evtl. auch Artgenossen selber) in dieser Phase eine stärker konkurrierende Motivation zum Trailverhalten darstellen als gewöhnlich, können wir das in unsere Trainingsplanung a priori einfließen lassen. Es gilt nun, das Gleichgewicht so zu verschieben, dass die Trailmotivation weiterhin höher bleibt, als die Motivation zu markieren, ohne dass wir korrigierend eingreifen müssen. Dafür stehen beide Waagschalen zur Verfügung & auf der Waagschale der Trainingsmotivation natürlich alles von der Startform, der Geschwindigkeit & Leinenlänge, über die Traillegung, die Beute & das Verhalten des Hundeführers… Dies im Detail auszuführen, würde den Beitrag bei weitem sprengen. Auf der anderen Seite kann man die Waagschale der konkurierenden Motivation „erleichtern“, durchgehend oder nur an sensiblen Punkten. Durch diese Trainingsplanung stellen wir sicher, dass die Hündin nicht während dieser Phase ein Verhalten einübt, das sich mit jeder Wiederholung selber verstärkt, denn schon die Ankunft am Markierort ist belohnend. Auf der anderen Seite garantieren wir so langfristig ein frustfreies & freudiges Training für Mensch & Hündin.
Trainingsidee: Das hohe körperliche Energielevel & das vorhandene Selbstbewusstsein in dieser Phase macht Lust auf Offroadtrails: quer durch die Natur, Durchsetzen gegen stolpernde Hundeführer, kleine Mutproben inklusive – und keine Artgenossen weit & breit!

Östrus
Der Östrus (die Standhitze) ist geprägt vom massiv gefallen Östrogen- und erst ansteigendem Progesteronspiegel. Die gute Laune und die hohe körperliche Energie fallen weg – die Stress- und Angstresistenz des Progesteron sind noch nicht gegeben. Das Interesse der Hündin liegt in der Fortpflanzung – nicht im Trailen. In wie weit es auch bei Hündinnen zu körperlichen Unanehmlichkeiten kommt, wissen wir nicht.
Das bedeutet für die Praxis…
Wir lassen Hündinnen in dieser (kurzen Phase) pausieren. Wie oben erklärt, würde es auch hier im Zweifel dazu kommen, dass sich unerwünschtes Verhalten auf dem Trail etabliert: der Wechsel auf die Spur eines Rüden, Markieren, nicht Starten, weil ein Rüde im Auto wartet…. Wir planen diese Trainingspausen von Beginn an bei der langfristigen Trainingsplanung mit ein – da sind sie sowieso notwendig.

Metöstrus
Die sichtbare Läufigkeit ist vorbei und nun beginnt die Phase, in der das Verständins vieler Menschen für die hormonelle Situation der Hündin endet. Der Metöstrus (die Scheinträchtigkeit mit nachfolgender Brutpflegebereitschaft) ist geprägt von einem hohen Progesteronspiegel. Erst gegen Ende dieser Phase fällt das Progesteron ab und das Prolaktin steigt an. Das Progesteron führt zunächst zu 9 – 12 Wochen, in denen die Hündin weniger körperlich aktiv, aber auch stress- und angstresistenter ist. Mit abfallendem Progesteron & steigendem Prolaktin ändert sich dies hin zu erhöhter Reizbarkeit & Depressivität.
Das bedeutet für die Praxis…
Hündinnen im Metöstrus fordern wir körperlich nicht so stark wie gewöhnlich. Die Trails sind kürzer – vielleicht auch ein bisschen weniger anspruchsvoll – dabei aber immer interessant, um gute Laune zu fördern. Während man in der Progesteronphase sogar gezielt an möglicherweise vorhandener Reaktivität arbeiten kann, nimmt man solche Themen in der Prolaktinphase aus dem Trainingsprogramm. Denn auch bei Reaktivität gilt: Fast immer wird dieses Verhalten (durch die Aktionen der anderen Menschen oder Hunde) ungewollt verstärkt und man gewinnt nichts, wenn es sich auf den Trails als erfolgreiches Verhalten etabliert.

Fazit:
Zyklusangepasstes Training im Mantrailing macht Sinn. Es nimmt Rücksicht auf die Bedürfnisse der Hündin und entspricht damit nicht nur unseren ethischen Anspüchen im Umgang mit ihr, es sichert uns auch langfristig ihre Arbeitsmotivation. Außerdem stellen wir durch die Trainingsanpassungen sicher, dass sich nicht unerwünschte Verhaltensweisen selber verstärken, die im Anschluss mühsam wieder „raustrainiert“ werden müssen.
Sowohl die Hündin als auch die Leistung des Suchteams profitieren.
Wie genau die Anpassungen aussehen müssen hängt von der individuellen Hündin, ihrer Arbeitsweise & dem Suchteam ab. Jeder Trainer muss über die notwendige Sensibilität & das Wissen über individuelle Trainingswege verfügen.
ABER
… du hast keine Zeit für soooo viel Rücksichtnahme, denn schließlich muss dein Hund ganz schnell eine Prüfung laufen oder im Einsatz funktionieren? Ich verrate dir ein Geheimnis: Rücksichtnahme führt langfristig IMMER auch zu SCHNELLEREN & BESSEREN Trainingsergebnissen – auch wenn es traurig wäre, wenn das deine einzige Motivation wäre, so mit deiner Hündin um zu gehen.
(c) Annica Quast 2023
